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Hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken? - Teil 2

Samira spielt auf dem Rücken liegend in ihrem kleinen Spielgitter. Sie wirkt sehr zufrieden und ich bewundere, wie selbsttätig und lustvoll sie sich beschäftigt. Seit Kurzem gelingt ihr, was sie vorher nur nackt am Wickeltisch konnte, nämlich ihre eigenen Füße mit den Händen zu ergreifen. Es macht ihr besonders Spaß, so lange an ihrem Socken zu zerren, bis sie ihn ausgezogen hat. Dann dient dieser sogleich als neuer Spielgegenstand, der mit Händen, Augen und Gaumen erkundet wird.

Als mich ein Besucher fragt, warum wir Samira denn nicht auf den Bauch drehen, erinnere ich mich an die Worte der alten Frau bei meinem ersten Spaziergang mit meiner Enkeltochter. Die Rückenlage ist wohl jene Körperhaltung, in der ein Mensch sich besonders schutzlos und ausgeliefert fühlt. Plötzlich habe ich das Bild eines hilflosen Käfers vor mir, der auf dem Rücken liegend hektisch mit seinen Beinen strampelt. Gleichzeitig hatte ich noch nie eine solche Empfindung im Zusammenhang mit Säuglingen. Ein Kind ist mit der natürlichen Lage, die es von selbst einnehmen kann, völlig im Reinen. Vorausgesetzt für diese Selbstzufriedenheit ist, dass es ihm auch sonst gut geht, es gesehen wird und eine entspannte Umgebung vorfindet. Ein Säugling hadert nicht damit, sich (noch) nicht umdrehen, aufsetzen, fortbewegen, sitzen oder stehen zu können. Er ist Meister darin, im Hier und Jetzt zu sein.

Ein Mensch, der schon viel Schmerzvolles erlebt hat, kann vielleicht nicht nachempfinden, dass man mit „so wenig“ so zufrieden sein kann. Es ist verständlich, dass wir von uns selbst auf den anderen schließen. Dadurch sind wir womöglich ein bisschen "blind" und nehmen das kleine Kind in seiner momentanen Befindlichkeit womöglich als hilflos wahr und erkennen nicht, wie stark und kompetent es eigentlich ist.

Zudem sind wir nicht nur von unseren eigenen Erfahrungen sondern auch von den Normen, Gewohnheiten und Traditionen unserer Gesellschaft geprägt. Gerade älteren Menschen mag es daher vielleicht befremdlich erscheinen, dass ein Säugling auf einer harten Unterlage auf dem Rücken liegend spielt und sich dabei wohlfühlt. Sie haben vermutlich selbst nie erlebt, ein Baby zum Spielen auf den Boden zu legen, weil dies früher nicht üblich war.

Als junge Mutter hätte mich diese Frage nach der Bauchlage dazu angeregt, dem anderen meine Entscheidung zu argumentieren. Ich hätte erklärt und vielleicht sogar belehrt, warum ich in die natürliche Bewegungsentwicklung meines Kindes nicht beschleunigend eingreife, sondern ihm sein eigenes, individuelles Tempo für seine Entwicklung lasse.
Inzwischen gelingt es mir diesbezüglich viel gelassener zu bleiben. „Weißt du, sie fühlt sich sehr wohl so“ oder „Ach, wir haben Zeit, bis sie sich von selbst umdreht“, könnte als Antwort ausreichen. Mutig ist es vielleicht, dem anderen durch eine stimmige Frage zusätzlich die Möglichkeit zu geben, seine Gedanken zu äußern: „Kommt dir das komisch vor?“ oder „Machst du dir Sorgen, dass sie sich zu langsam entwickelt?“ Jedem Menschen tut es gut, wenn ihm Empathie entgegengebracht wird, egal wie alt er ist. Wir wollen alle gesehen und verstanden werden – von Anfang an.

Was braucht ein Säugling für sein Spiel in der Rückenlage?

Die wichtigste Voraussetzung für entspanntes, freies Spielen ist, dass sich das Kind geliebt und angenommen fühlt. Es muss vollkommen darauf vertrauen können, dass seine Bedürfnisse vom Erwachsenen wahrgenommen und erfüllt werden, egal ob es sich um Nahrung, Schlaf, Körperpflege oder Nähe und Geborgenheit handelt.  

 

Eine einladende vorbereitete Spielumgebung ist übersichtlich mit geeigneten Spielmaterialien ausgestattet und bietet Schutz vor Gefahren. Ein Neugeborenes fühlt sich im engen Stubenwagen geborgen und braucht noch keine Spielsachen. Für den etwas älteren Säugling, der sich noch nicht auf den Bauch drehen und fortbewegen kann, bewährt sich ein kleines Spielgitter von ca. 80 – 100 cm x 100cm.
Trennung von Spiel- und Schlafbereich gibt Struktur und Klarheit. Das hilft dem kleinen Kind sich zu orientieren. Die feste Unterlage des Spielgitters im Vergleich zur Gitterbettmatratze bietet eine verlässliche, stabile Spielunterlage, welche die Beweglichkeit des Kindes nicht behindert und ihm eindeutige Rückmeldung gibt.

Von Natur aus vergleicht sich kein Kind mit einem anderen oder ist mit seinen Gedanken in der Zukunft. Es ist völlig zufrieden mit der Körperhaltung, die es von sich aus im Moment einnehmen kann. Spielerisch experimentiert es aus dieser mit seinen Bewegungsmöglichkeiten und hantiert mit seinen Spielgegenständen. Dabei kann es in jedem neuen Augenblick etwas entdecken und viel Spannendes erleben.

Das freie Spiel ist eine Quelle der Freude und Zufriedenheit und gleichzeitig das größte Lernfeld des kleinen Kindes.

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