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Ich bau mir erst ein Fundament

Samira entdeckt die große Holzkiste mit den bunten Bausteinen, die während ihres Mittagsschlafes vom Dachboden geholt, abgestaubt und zu ihren Spielsachen gestellt wurde. Sie nimmt einen grünen Würfel, betrachtet ihn, indem sie ihre Hand dreht und wendet, führt den Bauklotz zum Mund und lässt ihn schließlich wieder los. Da sind so viele neue Dinge in der Kiste: rote, gelbe, grüne und blaue Quader, Würfel, Zylinder und dreiseitige Prismen. Aber auch die große Holzkiste ist interessant. Samira klettert hinein und „badet“ in den Bauklötzen. Einer nach dem anderen wird aus der „Wanne“ geworfen. Das ergibt klingende Geräusche und macht so viel Spaß, dass sie übermütig und immer schneller werdend, gleich zwei oder mehrere Steine auf den Holzfußboden fallen lässt. 

Später entdeckt sie, dass man die Steine auch in den metallenen Papierkorb reinwerfen kann. Sehr bedächtig und fokussiert lässt sie einen nach dem anderen fallen und freut sich am Verschwinden des Bausteins und an dem Ton, der beim Aufprall entsteht.

 

Sind Bausteine nicht dazu da, um damit Türme, Burgen und Straßen zu bauen?

 

Wenn sich ein Kind in seinen Beziehungen sicher und dadurch völlig frei fühlt, seinen natürlichen Impulsen zu folgen, lässt es sich spielerisch von einem weisen inneren Plan führen, anstatt das zu tun, was von ihm womöglich erwartet wird oder wofür es vielleicht Lob, Anerkennung und emotionale Zuwendung bekommt.

 

Dieser weise Plan sieht vor, zuerst ein „Fundament“ zu erschaffen, bevor man sich in die Höhe wagt.

Was ist damit gemeint?

Kein Säugling wird sich aus freien Stücken von sich aus zum Sitzen oder Stehen aufrichten, wenn er nicht zuvor seine Bein- und Rumpfmuskulatur stark genug gekräftigt und mit dem Ausbalancieren des Gleichgewichts ausreichend herumprobiert hat. Er sorgt also ganz natürlich für ein starkes, tragfähiges Fundament, bevor es sich in die Vertikale begibt.


Von Natur aus wird niemand den zweiten Schritt setzten, bevor der erste nicht vollzogen wurde. Ebenso wird kein Kind mit Bausteinen in die Höhe bauen, wen es diese noch nicht ausreichend erkundet und damit in der horizontalen Ebene Erfahrungen gesammelt hat. Experimente mit der Schwerkraft, wie zum Beispiel das Aufrichten von hohen, schlanken Gegenständen, dienen genauso der Erfahrungssammlung wie das Ineinanderschieben von konischen Gefäßen.

 

Sich seine eigene Latte legen

 

Kinder befolgen im freien Spiel auf natürliche Art und Weise die Grundprinzipien des Lernens: vom Leichten zum Schwierigen, vom Einfachen zum Komplexen und festigen Ihre Erkenntnisse durch wiederholtes Üben und Variieren, so wie es seit jeher in der Didaktik für Lehrkräfte gelehrt wird. Jedes Kind macht das im Spiel so. Es legt sich seine Latte auf eine mittlere Anforderung, bei der es weder unter- noch überfordert ist. Meist liegt beim Spielen die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Herausforderung bewältigt wird, doch bleibt ein gewisses Restrisiko, dass es womöglich doch nicht wie geplant funktionieren könnte. Das macht schließlich den Reiz aus. Dadurch wird das Spiel spannend und fesselnd.


Wird die Hürde genommen, erlebt das Kind seine Selbstwirksamkeit und es entsteht ein sattes Gefühl von Zufriedenheit und Freude. Scheitert das Kind bei seinem Experiment, hat es eine Erfahrung gemacht und trainiert dadurch eventuell den Umgang mit seinem eigenen Ärger oder anderen negativen Gefühlen und seine Frustrationstoleranz. Meistens wird es einen weiteren Versuch auf dieselbe oder auf eine andere Weise starten, um seine These erneut zu überprüfen oder sie zu widerlegen. Lernen durch Versuch und Irrtum ist für das spielende Kind etwas ganz Alltägliches. Schließlich ist es ein Grundprinzip der Evolution.

 

 

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