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Die Hände machen den Menschen aus

Während eines sonnigen Herbstspaziergangs schläft Samira im geräumigen Kinderwagen zufrieden ein. Sie liegt in ihrer natürlichen Liegeposition in der Rückenlage, die Unterarme entspannt mit offenen Fäustchen auf den Handrückenneben ihrem Kopf abgelegt.

Auf der Terrasse ist es noch sonnig. Dort wird der Wagen abgestellt und Samira mittels Babyphone und mit fürsorglichen Blicken überwacht.

Plötzlich nehmen wir wahr, dass sich der Wagen bewegt. Er schaukelt sanft, kaum merkbar hin und her. Ist Samira aufgewacht? Es ist nichts zu hören. Bei näherer Betrachtung sehen wir, wie sich ihre beiden kleinen Händchen immer wieder mit ruckartigen Bewegungen einander annähern und die Finger der einen Hand, jene der anderen zu fassen suchen. Gebannt verfolgen die Blicke der zweieinhalb Monate alten Urheberin des Schauspiels ihr eigenes Tun.

 

Fasziniert bin auch ich, die Großmutter, von jenem für mich kostbaren Moment, in dem Samira ihre Hände entdeckt und vielleicht zum ersten Mal beginnt, mit ihnen zu spielen.

 

Warum berührt es mich, einen Säugling mit seinen eigenen Fingern spielen zu sehen?

 

Die Hände machen den Menschen aus.

 

Kein anderes Lebewesen benutzt seine Gliedmaßen in einer auch nur annähernd geschickten und derart vielfältigen Art und Weise, wie der Mensch es tut. Es erinnert uns an uns selbst, wenn wir das Eichhörnchen beobachten, wie es an einer Nuss knabbert, die es in seinen Pfötchen hält oder wenn die Katze mit einer ihrer beiden Vorderpfoten nach einem Schmetterling hascht.

 

Trotz dieser Ähnlichkeiten ist die Feinmotorik der Vierbeiner im Vergleich zum Menschen sehr eingeschränkt. Ihre Bewegungen entwickeln sich instinktgesteuert und stereotyp. Wie ein Pferd laufen wird, wissen wir bereits, wenn sich das frisch geborene Fohlen erstmals auf seine wackeligen Beine erhebt. Was hingegen dieser junge Säugling, der eben begonnen hat, seine Hände zu erforschen, noch alles mit ihnen in seinem Leben vollbringen wird, können wir in diesem Augenblick nicht erahnen.

 

Nicht nur Handwerker und Künstler, auch Beamter oder IT-Fachmänner, jeder Mensch braucht und nutzt seine Hände für seine Arbeit und dies auf sehr individuelle Art und Weise. Menschliche Hände können kraftvoll für grobe oder mit Fingerspitzgefühl für feine Tätigkeiten eingesetzt werden. Sie können fest zupacken und zärtlich liebkosen. Sie sind dazu da, um uns selbst und anderen zu dienen.

 

Die Hände sind der erste Gegenstand des kindlichen Spiels und werden später zu seinem wichtigsten Instrument und Werkzeug für sein Tun und Wirken.

 

Aus all diesen Gründen ist es sinnvoll, dem kleinen Kind Zeit und Raum zu geben, seine eigenen Hände zu erforschen und in aller Ruhe mit ihnen zu spielen, bevor ihm andere Dinge dafür angeboten werden, die ihn davon ablenken würden.

Mehr darüber, was Säuglinge im Spiel mit ihren Händen alles lernen im nächsten Blog: „Gib mir Zeit und Raum, meine Hände zu erforschen!“

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christel Karb (Montag, 04 Oktober 2021 12:10)

    Danke für diesen schönen Beitrag, leider wird diesem Prozess noch immer viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, ganz zu schweigen von der Bedeutung, die das Éntdecken, Erkennen und Erforschen der Hände für die kindliche Entwicklung hat. Ich freue mich schon auf den nächsten Text!

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