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Wie ein Fels in der Brandung

„Ein Fels in der Brandung“: Das Kind erfährt unsere Empathie und erlebt, wie wir auch in konfliktträchtigen Situationen die Ruhe bewahren. Damit ermöglichen wir ihm, dass es seine Gefühle nicht verdrängen muss und kann später unserem sozialen Vorbild folgen.

 

Samira hat Besuch von der Großcousine. Während sich die Erwachsenen unterhalten, spielen die beiden Mädchen nebeneinander mit Samiras Spielsachen, die vorher noch extra gemeinsam geordnet wurden. Alles scheint friedlich und harmonisch bis zu dem Zeitpunkt, wo Samira den Kuschelbären ihrer Großcousine auf dem Spielzeugtraktor mitnehmen möchte. Schneller als die Erwachsenen es realisieren können, entfacht ein heftiger Streit. Der Kuschelbär ist ein persönlicher Lieblingsgegenstand der Cousine, zu dem diese eine besondere Beziehung hat. Ohne ihn geht sie nicht ins Bett und fährt sie nirgends hin. Samira müsste das doch verstehen, schließlich hat sie selbst auch einen Lieblingshasen, mit dessen Ohren sie beim Einschlafen spielt, bis sie im Reich der Träume ist. Trotzdem will sie jetzt nicht nachgeben. Schließlich teilt sie ja gerade all ihre Spielsachen mit dem Besuch.

Als die Erwachsenen eingreifen, wird sie wütend und versucht sich handgreiflich zu wehren.

Wie können wir in solch schwierigen Situationen angemessen reagieren?  

 

  • Umgang mit eigenen Emotionen

Damit wir unsere eigenen Gefühle unter Kontrolle bringen, empfiehlt es sich, ein bis drei tiefe Atemzüge zu nehmen, bevor wir einschreiten. Das ist eine lange Zeitspanne, vor allem, wenn wir uns beobachtet und unter Druck fühlen. Wir wollen ja nicht, dass der andere Erwachsene unser Kind für schlecht erzogen hält. Dennoch: Zumindest ein tiefer Atemzug macht sich bezahlt. Das nimmt unserer ersten, oft vorschnellen Reaktion die scharfen Ecken und Kanten. Nach ein paar Atemzügen sehen wir die Situation vielleicht schon viel gelassener und wir gewinnen Zeit, um in Ruhe zu agieren. Je entspannter wir vorgehen, desto entspannter wird sich das Umfeld gestalten.

 

  • Verständnis für das Kind

Wenn wir es geschafft haben, in unserer Mitte zu sein, werden wir die Bedürfnisse des Kindes viel besser wahrnehmen. Wir können versuchen, uns einzufühlen und zu verstehen, warum es so handelt und welches Anliegen dahinter stehen könnte.
Wenn zwei oder mehrere Kinder in einen Konflikt verwickelt sind, möchte natürlich jedes Einzelne von ihnen vom Erwachsenen gesehen und verstanden werden. Es ist wichtig für beide Parteien Verständnis zu zeigen. Oft ist es dabei hilfreich, jedes der Kinder zum Beispiel am Arm zu berühren.

 

  • Faires Verhalten nicht einfordern, aber ermöglichen

Zuerst braucht das Kind Empathie und Verständnis, vor allem von seinen erwachsenen Bezugspersonen, bevor diese es zu einem bestimmten Verhalten anweisen zu versuchen. „Du möchtest mit Paulas Bären spielen? Gefällt dir der? Das geht leider nicht. Du musst ihn zurückgeben. Ja, jetzt bist du traurig. Ich weiß...“  „Das ist dein Kuschelbär, nicht wahr? Du willst ihn zurückhaben. Das verstehe ich. Samira darf ihn nicht behalten. Sie gibt ihn dir wieder.“

Idealerweise gelingt es uns mit Ruhe, soviel Zeit und Raum in die Situation zu bringen, dass das Kind sich frei fühlt, das entwendete Teil selbst zurückzugeben. Oft braucht es dafür nur ein wenig Geduld. Mit Druck erzeugen wir nur Gegendruck und wenn wir nicht wollen, dass unser Kind gewalttätig ist, dürfen wir ihm den Bären keinesfalls grob entreißen.

 

  • Keine Appelle an den Verstand

Es ist nicht notwendig, ja oft sogar kontraproduktiv, wenn wir dem Kind intellektuell erklären, warum etwas nicht nach seinen Vorstellungen gehen kann. Manchmal genügen kurze Begründungen wie zum Beispiel „weil das gefährlich ist“. Manchmal ist es jedoch besser, den eigenen Standpunkt nicht zu begründen, nicht etwa um einer Endlosschleife an „Warum-Fragen“ zu entgehen, sondern weil es dem Kind mehr Klarheit und Sicherheit gibt, wenn der Erwachsene souverän weiß, was er will. Das Kind will einfach Kind sein und nicht als Erwachsener behandelt werden. Damit ist es überfordert, sowohl kognitiv als auch emotional.

 

  • Zu seinen Überzeugungen stehen und sich nicht erklären

Es ist prinzipiell so, dass man sich nicht erklären braucht, wenn man mit gutem Ethos hinter seiner Überzeugung steht. Oft tun wir das gerade dann, wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, um uns zu verteidigen oder um unsere Schuldgefühle zu umgehen. Niemand sollte sich schlecht oder gar schuldig fühlen, wenn sie oder er nach besten Gewissen handelt und dem Kind eine Grenze setzt. Im Gegenteil: Damit übernehmen wir Verantwortung und schützen es.

 

  • Soziales Vorbild

Wenn wir einfühlsam reagieren und dem Kind unser Verständnis ausdrücken, geben wir ihm zweierlei. Empathisches Agieren ist nicht nur wichtig, damit sich das Kind geborgen, angenommen und sicher fühlt, sondern dient ihnen gleichzeitig als soziales Vorbild. Es wird uns nachahmen und es selbst versuchen.

Woher sollte ein Mensch lernen, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen, wenn er das nie selbst an sich erfahren hat? Empathie lernt man übrigens nicht theoretisch sondern einfach, indem man sie anwendet.

 

  • Ein Fels in der Brandung

Vor allem, wenn es selbst überfordert ist, braucht das Kind eine stabile erwachsene Bezugsperson, auf die es sich verlassen kann und die selbst weiß, was sie will, die, um bildhaft zu sprechen, wie ein Fels in der Brandung ist. Nichts tut ihm wohler, als wenn wir seine Emotionen in unserer Gelassenheit auffangen. Gelassenheit bedeutet jedoch keinesfalls Gleichgültigkeit. Wir schauen nicht weg, sondern nehmen die Situation und all ihre Beteiligten ernst. Wir übernehmen Verantwortung und treffen Entscheidungen und bestenfalls bewahren wir auch dann völlige Ruhe, auch wenn es völlig turbulent hergeht.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Elisabeth (Mittwoch, 21 September 2022 10:01)

    Ich hatte so eine Situation bei 2 Nachbar Kindern, meine Lösung war, Vorschlag :du borgst R. deinen Kuschelbär eine Weile und R. und gibt dir ihren Puppe in dieser Zeit. Wie lange ist diese Zeit, war die Frage. Bis der grosse Zeiger ganz grad nach unten zeigt einverstanden? Hat geklappt.
    Was hat das mit Florian und Buddhismus zu tun?

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