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Bald kommt das Christkind…. Stimmt das denn?

Als Samira am Morgen des ersten Adventsonntags die Stiege hinuntergeht, hält sie plötzlich inne. „Da liegen ja kleine Sterne am Boden!“ ruft sie begeistert aus. Eifrig beginnt sie auf dem Weg nach unten einige davon aufzusammeln. Da entdeckt sie eine neue Überraschung. Der Jahreszeitentisch hat ein völlig neues Gesicht bekommen. Eine kahle Landschaft mit einem Weg aus kleinen Kieselsteinen, an der Wand dahinter hängt ein nachtblaues Tuch, geschmückt von einem einzelnen Strohstern. Maria und Josef haben sich mit ihrem Esel auf den Weg von Nazareth nach Bethlehem gemacht. Staunen wandelt sich in Begeisterung. Wenn die beiden am Stall angekommen sind, kommt das Christkind!

 

Das Weihnachtsfest ist schlicht und einfach DAS Fest, dem sich in der westlichen Welt niemand entziehen kann, gleich welcher Herkunft, Religionsbekenntnis, ob gläubig oder ungläubig.
Hier vereinen sich Tradition, Glaube und Kultur mit Familie und persönlichen Emotionen und Kindheitserinnerungen. Zudem ist es auch ein Fest des Konsums geworden, was in manchen Menschen zwiespältige Gefühle auslöst.

Viele Menschen lieben den Zauber des Christkinds und verbinden ihn mit eigenen schönen Erinnerungen und guten Gefühlen wie Geborgenheit und Freude.

In diese Welt der Glückseligkeit möchten wir gemeinsam mit den eigenen Kindern und Enkelkindern wieder eintauchen und an der überschäumenden kindlichen Vorfreude mitnaschen und darum möchten die Erwachsenen den „Glauben an das Christkind“ ehrlicher Weise auch für sich selbst aufrecht halten.

Ich denke, im Grunde hat JEDER Mensch die tiefe Sehnsucht nach einer Welt, wo wir in Frieden und Wertschätzung miteinander leben, nach einer Welt, wo Verbundenheit anstatt Trennung und Krieg gelebt wird. Bisher ist es der Menschheit noch nicht gelungen, eine solche heile Welt zu verwirklichen, doch der Wunsch danach schlummert in jedem Herzen, manchmal tief verborgen. Darum lieben wir Filme und Geschichten mit Happy Ends und darum suchen Menschen seit Anbeginn Wege, die Welt besser zu machen. Weihnachten gibt uns für Momente das Gefühl, dass alles heil und in Frieden ist, Freude und Glückseligkeit. Ich habe Verständnis für jeden, der aus diesem Grund den Christkind-Zauber liebt. Ich gehöre auch zu jenen Menschen und schwelge gerne in den Erinnerungen an meine eigene Kindheit und an die Jahre, in denen meine Kinder an das Christkind glaubten.

 

Gibt es das Christkind?

Beim sogenannten Glauben an das Christkind scheiden sich die Geister. Manche sagen, es sei eine Lüge zu behaupten, es gäbe das Christkind. Manche sagen, es sei nur eine Lüge zu behaupten, das Christkind bringt die Geschenke. Meine Meinung dazu ist Folgende: Was wahr ist und was gelogen ist, kann nur jede und jeder für sich selbst beurteilen. Entscheidend ist, welche Motivation ich habe und mit welcher Absicht ich etwas sage und tue. Ein schlechtes Gewissen hat man nur, wenn man wahrnimmt, dass es für einen selbst nicht stimmig ist, was man getan oder gesagt hat. Jeder Mensch hat im Grunde seine eigene Wahrheit und sein eigenes Wertesystem, das freilich stark von der Herkunftsfamilie und der Gesellschaft, in der man aufgewachsen ist, geprägt ist.

Für mich ist es zum Beispiel die Wahrheit zu sagen, dass es das Christkind gibt. Für mich ist das Christkind mit dem Jesuskind identisch und ich nehme es als ein erleuchtetes Wesen als einen Engel dar, den ich zwar nicht sehen, der jedoch dennoch um mich sein kann und vielleicht sogar gerade zu Weihnachten besonders viel Segen verbreiten möchte.
Mit den eigenen Kindern habe ich die Weihnachtslegende jedes Jahr im Advent zelebriert, ihnen immer wieder aus dem Buch „Marias kleiner Esel“, dass ich allen empfehlen kann, vorgelesen und mit ihnen auf dem Jahreszeitentisch die Ankunft des Christkindes vorbereitet. Für meine Kinder war Christkind und Jesuskind ganz selbstverständlich ein und dasselbe. Meine jüngste Tochter beobachtete ich einmal, wie sie einen Brief an das Christkind in unser „Christkindl-Fenster“ legte und danach zum Kruzifix ging und sagte: „Liebes Christkind ich hab‘ dir gerade einen Brief geschrieben, bitte hole ihn bald ab.“


Weihnachten - ein ethisches Fest?

Da ich es so empfinde, dass Jesus die Menschen aller Zeiten beschenkt hat, ist es für mich keine Lüge, dass das Christkind uns beschenkt. Jesus‘ Geschenk war, dass er uns vorgelebt hat, wie man ein ethisches Leben führt.

Meine religiösen Wurzeln sind christlicher Natur, doch versuche das Verbindende in allen Weltreligionen, Ethiklehren und Naturreligionen zu finden. Religionsgemeinschaften haben leider Kriege gegeneinander geführt und führen sie noch immer in manchen Teilen unserer Welt. Das ist gegen ihre wahre Natur. Da haben die Menschen etwas grundlegend missverstanden. Im Grunde habe sie alle gemeinsam, dass nur ein ethisches Leben zu wahrer Glückseligkeit führen kann.

Auch wenn er sich keiner Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlt, sucht der Mensch das Gute und fühlt sich besser, wenn er Gutes tut.

Mein Rezept für ein schönes Weihnachtsfest ist daher, in die Vorbereitungen und die Gestaltung von Weihnachten etwas einfließen zu lassen, wo wir für andere etwas Gutes tun. Besuche von einsamen Menschen und Geschenke zählen da durchaus dazu. Ein Spaziergang durch die Nachbarschaft, bei dem wir selbst gemachte Kleinigkeiten austeilen, sich Zeit für Menschen im Altenheim zu nehmen oder für eine wohltätige Organisation zu spenden. Dabei geht es um die liebevolle Geste und nicht um den materiellen Wert. Kinder sind bei solchen Aktionen sehr gerne mit dabei und lernen dadurch von unserem Vorbild.

 

Weihnachten - ein Fest des Konsums?
Wir fühlen uns besser, wenn wir etwas Gutes getan haben. Das ist der große Unterschied zum Konsumieren von Dingen. Hinterher werden wir schnell unzufrieden. Je mehr wir bekommen, desto mehr wollen wir wieder haben. Alle Menschen sind verführbar und nicht vor den Einflüssen der Werbung gefeit. Da muss man bewusst dagegen ankämpfen und sich dafür entscheiden. Weniger ist in diesem Fall wirklich mehr. Kindern geht es genauso. Je mehr Geschenke sie bekommen, desto mehr möchten sie haben. In den ersten beiden Jahren bräuchte das kleine Kind eigentlich noch gar keine Geschenke. Alleine der Lichterglanz ist ein überwältigender Sinneseindruck. Wenn es dazu noch eine Krippe mit Figuren gibt, die es angreifen und damit spielen kann, ist der Weihnachtsabend schon erfüllt. Es ist mit dem Christbaum, den Lichtern und der Krippe schon überglücklich. Mehr braucht es eigentlich nicht. Wir schenken oft, weil wir uns über die Freude der anderen so freuen. Dagegen spricht für mich nichts. Ich finde das sogar schön. Kinder sind dafür natürlich ein besonders Objekt. Sie können sich aus ganzem Herzen freuen und diese Freude so strahlend lautschallend und herzlich zeigen. Das hat eine Faszination für uns Erwachsene, denn wir sind oft nicht mehr so fähig, uns zu freuen oder unserer Freude sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Gerade die kindliche Fähigkeit, zu stauen, sich zu freuen und zu strahlen, machen im Prinzip den Zauber aus, den die Erwachsenen so lieben. Wir werden damit von den Kindern beschenkt. Dennoch würde ich zurückhaltend mit der Anzahl der Geschenke sein, denn wir können die Kinder damit überfordern und sie ohne dies beabsichtigen, sie zu unzufriedene Konsumenten erziehen.

 

Kinder sind mystische Wesen

Mit liebevollem Interesse nimmt das kleine Kind seine gesamte Umwelt als belebt wahr. Darum kann es auch ganz selbstverständlich mit für uns leblosen Dingen wie Schneckenhäusern spielen. Es „sieht“ vielleicht draußen im Wald wirklich Engeln oder andere fiktive Spielgefährten, wenn es damit spielt. Kinder überwinden im Spiel räumliche und zeitliche Distanzen, sodass es ihnen unzweifelhaft möglich ist, sich selbst in das Geschehen nach Bethlehem vor 2000 Jahren zu „beamen. Wenn sie mit den Krippenfiguren hantieren, sind sie selbst Teil der Weihnachtsgeschichte. Sie hauchen jedem und allem Leben ein, selbst dem kühlsten Stein und dem trockensten Ästchen. Welche Magie! Darum entspricht der Mythos um Christkind, Weihnachtsmann und Nikolaus dem Wesen des Kleinkindes.

Wir können dies mit unserem Verstand nicht gänzlich kontrollieren, da wir durch unsere fünf Sinne in der Wahrnehmung eingeschränkt sind. Der Fantasie sind jedoch keine Grenzen gesetzt. Vielleicht haben kleine Kinder sogar einen viel besseren Zugang zu einer übergeordneten inneren Weisheit, wer weiß? Die Quantenphysik bestätigt bereits Phänomene, die jenseits der Wahrnehmung unserer fünf Sinne liegen.

Trotzdem würde ich nicht extra dick auftragen. Sätze wie „Heute habe ich das Christkind gesehen!“ zum Beispiel würde ich persönlich nicht sagen. Wenn jedoch das Kind selbst meint, es gesehen zu haben -  wir verbinden das meist mit Glitzer im Wald, ausgelöst durch die untergehende Sonne, dann würde ich mit ihm mitstaunen.  
Auf keinen Fall würde ich Christkind oder Nikolaus als Erziehungsmittel einsetzen und schon gar nicht damit drohen. Dies widerspricht meinen pädagogischen Grundsätzen und zudem der Natur von heiligen Wesen, dass diese bestrafen und zudem auch Außerdem liegt die Erziehung in der Verantwortung der Eltern. Die sollten wir nicht an andere abgeben.

 

Wer beendet den Glauben an das Christkind?

Wenn das Kind dem Fantasiealter entwachsen und reif dafür ist, reale Zusammenhänge zu erkennen, möchte es nicht mehr so wie das Kleinkind behandelt werden. Es ist stolz darauf, „klüger“ geworden zu sein. Ich würde dann trotzdem nicht sagen, dass es das Christkind nicht gibt. Es gibt es nicht auf die Art und Weise, wie wir früher davon gesprochen haben, sondern auf eine andere Art und Weise. Das Christkind - und für den Weihnachtsmann kann man das im Grunde auch anwenden, wenn das dem eigenen Empfinden näher liegt - ist wie ein guter Engel. Es flüstert uns ins Ohr, wie wir lieb und gut miteinander umgehen sollen. Und es freut sich, wenn wir es ihm nachmachen und einander aus Liebe beschenken.

Mein Vater hat übrigens oft erzählt, wie schlimm es für ihn als Kind war, als er noch ans Christkind glaubte, wie er von einem Nachbarn ausgelacht und ihm gesagt wurde, dass es das Christkind nicht gibt, sondern dass seine Mutter das alles mache und hat ihn zum Schlüsselloch schauen lassen, um dies auch zu sehen. Mein Vater beschrieb das als schmerzvolles, fast traumatisches Erlebnis, weil für ihn damals eine heile Welt zusammenbrach.

Es gibt den pädagogischen Rat, bei sensiblen und emotionalen Themen, Kindern nur jene Fragen zu beantworten, die sie wirklich stellen. Das gilt zum Beispiel auch für das Thema „Sexualerziehung“. Nur weil ein Kind fragt, wo das Geschwisterchen ist, das bald zur Welt kommen wird, möchte es noch lange nicht wissen, wie das Baby in den Bauch hineingekommen ist. Diese Info könnte es zu dem Zeitpunkt womöglich überfordern.
Ich würde mit diesem Thema „Christkind“ sehr sensibel umgehen und vor allem respektieren, dass jede Familie das Recht hat, es so handzuhaben, wie es für sie persönlich am stimmigsten ist.

 

Vier Wochen später. Samira erwacht am Morgen des Hl. Abend besonders früh und läuft voller Erwartung die Stiege hinunter. Die Sterne auf der Stiege lösen zwar Begeisterung aus, doch werden sie heute nicht aufgesammelt. Voller Erwartung eilt sie zum Jahreszeitentisch. Dieser hat sich in den letzten Wochen zu einem reichlichen Bild gewandelt. Etliche Sterne schmücken den Himmel. Schafe tummeln sich auf der Landschaft und viele Hirten und Hirtinnen rasten um das Hirtenfeuer. Auch Federn, Schneckenhäuser und andere Dinge aus der Natur sind gekommen, um das Christkind zu empfangen. Maria und Josef sind seit gestern im Stall angekommen. Und heute, – welch überschäumende Freude – heute liegt das Christuskind auf dem Heu in der Futterkrippe. Das Christkind ist gekommen. Es kommt alle Jahre wieder. Es ist Weihnachten.

 



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Kommentare: 1
  • #1

    Isabella (Freitag, 23 Dezember 2022 18:14)

    Interessanter und zugleich wunderschöner Bericht zum schönsten Fest des Jahres, liebe Heidi. Ich denke so gerne an diese magische Zeit meiner Kinderheit zurück und liebe es, heute als Erwachsene, diese staunenden Kinderaugen zu beobachten. :-)

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